Gewalt in der Pflege

ein Erfahrungsbericht

In den ganzen Monaten hat mir nie jemand widersprochen, keiner hatte Zweifel an meinen Aussagen: Michael schlägt und tritt zu, er ist den Bewohnern gegenüber gewalttätig. Alle Kollegen nickten und stimmten zu. „Das ist Michael.“ Die Vorgesetzten sagten gar nichts dazu, zogen meine Behauptungen aber nie in Zweifel.

Ich war Hauswirtschafterin in einer Wohngruppe für junge Erwachsene (ab 20 Jahren) mit einer geistigen Behinderung. Mit dieser Gruppe lebten in dem großen Gebäude noch andere Gruppen, Kinder und Jugendliche, die zur Schule gingen. Die meisten Bewohner waren tagsüber in die Werkstatt, drei bis vier Bewohner blieben immer zu Hause. Aufgrund ihrer Behinderung war es nicht möglich sie in die Werkstatt zu integrieren. So waren sie häufig 24 Stunden im Haus, was Langeweile und auch Aggressionen mit sich brachte. Zusammen mit Rolf, dem Gruppenleiter, verbrachte ich so meine Vormittage und versuchte neben meiner Arbeit die Bewohner bei Laune zu halten.

Das ganze Dilemma fing an dem Tag an, als uns Rolf mitteilte, dass er eine andere Stelle im Unternehmen übernehmen würde und Michael sein Nachfolger werde. Michael war nicht anwesend, so entging ihm das Entsetzen unter den Kollegen. Michael und ich sind deutlich älter als die anderen Kollegen. Es gab zwischen ihm und den anderen immer ein distanziertes Verhältnis. Mein Verhältnis zu ihm war normal, aber auch nur, weil ich nicht im Schichtsystem eingebunden und vorrangig für den Haushalt verantwortlich war.

Der Wechsel ging zügig vonstatten, und es zeigte sich bald, dass Michael große Pläne hatte. Alles sollte anders werden. Ferner ließ er durchblicken, dass es zwei Kollegen gab, mit denen er nicht weiterplante. Für uns absolut unverständlich, weil wir auf diese Kollegen, die gut zu uns passten, nicht verzichten wollten. Michael fing an sein Ding durchzuziehen, was erwartungsgemäß nach hinten losging. Auch im Umgang mit den Bewohnern schien Michael eine andere Strategie zu fahren. Waren wir vorher immer bemüht bei Konfrontationen deeskalierend zu handeln, ging Michael voll drauf – wortwörtlich. Meist traf es den Bewohner Pascal, der nicht in die Werkstatt ging. Er war groß, schwer und hatte 90% der Zeit ein kindliches Gemüt. Es bedurfte manchmal nur einer Kleinigkeit, dass er sich brüllend zu Boden warf und um sich trat. Da hatte es sich bewährt, ihn größtenteils zu ignorieren und einen großen Bogen um ihn zu machen. Gelegentlich sprachen wir ihn an und versprachen ihm Aufmerksamkeit oder etwas anderes Belangloses, wenn er sich wieder hinsetzte und beruhigte. War man so weit gekommen, war die Krise vorbei. Michael verfuhr jetzt anders. Er stellte sich zu ihm, brüllte ihn an und fixierte ihn gelegentlich. Irgendwann war Pascal erschöpft und gab Ruhe, aber er ließ sich durch die Drohgebärden nicht einschüchtern.

Es war ein Morgen, kurz nach Michaels Wechsel, als Pascal mit einem geschwollenen Gesicht aus dem Zimmer kam. Zwei Kolleginnen zeigten es mir und waren sprachlos. Michael, der die Nachtschicht hatte, erklärte wortreich, was sich angeblich zugetragen hatte. Pascal hätte schon um halb sechs angefangen laut zu werden. Er, Michael, hätte ihm von der Tür aus gesagt, dass er ruhig sein solle. Daraufhin hätte Pascal sich selbst mit der Hand und am Bettgestell das Gesicht verletzt. Schon durch Michaels Art den Vorfall zu schildern, glaubte ich es ihm nicht. Pascal hatte schon vieles getan, aber das nicht. Als Michael weg war, fragte die Kollegin Pascal, ob er sich geschlagen hätte und er antwortete mit seinem beschränkten Sprachschatz: „Chel (Michael) hauen.“ Da war alles klar, und wir waren ratlos. Was tun? Michael darauf ansprechen war sinnlos, weil er nie etwas zugab, sondern sofort laut wurde.

Durch die Besonderheit unserer Dienstpläne war ich die Einzige, die über Stunden mit Michael zusammenarbeitete. So war es zwangsläufig, dass ich mitbekam, wenn er sich den Bewohnern gegenüber nicht im Griff hatte. Pascal blutete immer schnell aus der Nase und ich musste täglich das Blut wegwischen. Zu Rolfs Zeiten hatte ich es höchstens zwei Mal erlebt, dass Pascal blutete. Doch dann habe ich gesehen, wie Michael zuschlug und auch einmal Pascal in den Unterleib trat. Ich sprach mit jedem einzelnen Kollegen über meine Beobachtungen - und alle nickten. Es sei typisch für Michael und auf meine Frage, was wir tun könnten, waren zwei von vielen Antworten: „Da kannst du nichts machen.“ Oder: „Ist nicht mein Problem“. Ich war schockiert und ernüchtert. Sicher hatte ich für einige Kollegen fast Verständnis, dass sie sich da zurückhielten. Sie waren in der Probezeit, hatten einen befristeten Vertrag oder befanden sich in einer dualen Ausbildung. Es gab aber drei langjährige Kollegen mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag. Ich zerbrach mir den Kopf, was ich tun sollte, weil weiter weggucken konnte ich nicht.

An dem Tag, an dem ich drei Mal das Blut aufwischen musste, ging ich zu Herrn Aichinger. Er war der Stellvertreter unserer Vorgesetzten Frau Mayer und hatte oben im Haus, in der kleinen Verwaltung sein Büro. Bis zu dem Tag dachte ich immer, dass wir ein gutes Verhältnis hätten. Frau Mayer war von den Mitarbeitern eher gefürchtet, als respektiert. Ich ging also nach oben und sagte ihm frei raus, was vorgefallen war. Er rief bei Frau Mayer an und schilderte ihr alles. Er sollte mit mir ein Protokoll aufsetzen, was ich zu unterschreiben hätte. Wir setzten das Protokoll auf und ich fragte ihn: „Hören Sie denn das viele Geschrei nicht?“ „Doch, ich habe auch schon das Blut gesehen.“ Ich war sprachlos. Sicher war das eine Bestätigung für meine Behauptungen, aber er wusste um die Zustände in seinem Haus und schien rein gar nichts dagegen zu unternehmen.

In den Tagen danach arbeitete ich unter Hochspannung. Meinen Kollegen hatte ich von dem Vorgang nichts erzählt. Jedes Mal, wenn das Telefon läutete, dachte ich, dass Michael gleich auf mich losgehen würde. Wenn er zum Dienst erschien, betrachtete ich ihn etwas länger als sonst. Doch Michael sagte nichts. Sein Gesamtzustand war eh schon schlechter geworden, weil seine Neuerungen nicht aufgingen und fast durchweg fehlerhaft waren. Er wollte nichts abgeben und schob unendlich Überstunden. Der Krankenstand wurde immer höher und somit das Personal immer weniger. Doch nach einigen Tagen bemerkte ich eine Veränderung. Michael machte die Zimmertüren zu, wenn er auf die Bewohner losging. Scheinbar war mit ihm gesprochen worden ohne mich zu erwähnen, aber ganz offensichtlich auch ohne Erfolg.

An einem Vormittag war ich mit einer jungen Kollegin allein, als Pascal wieder einen Wutanfall bekam. Wir hatten die Sache im Griff, bis unerwartet Michael erschien. Er ging ohne Rücksprache ins Zimmer und verschloss die Tür. Pascals Geschrei veränderte sich, ein deutliches Zeichen dafür, dass Michael körperlich an ihm dran war.

Hier schiebe ich mal die Antwort auf die sicher gestellte Frage ein, warum ging ich nie dazwischen. Weil die Situation gerade bei Pascal dann gefährlich geworden wäre. In solchen Momenten ist er unberechenbar und nicht zu beherrschen. Es hätte sowohl mich und auch Michael gefährdet.

Die Kollegin und ich hörten dem Treiben entsetzt zu, und es war nicht zu überhören, wie Michael Pascal anschrie: „Soll ich dir eine runterhauen?“ Kurz darauf setzte sich Pascal verrotzt und fertig in den Flur und Michael verschwand wortlos. Ich habe ihn an dem Tag nicht mehr gesehen, wohl aber die Kollegin. Sie versuchte mit Michael zu reden, was sich als sinnlos erwies. Sie war eine von denen, die er am liebsten loswerden wollte, so ließ er es an jeder Sachlichkeit fehlen. Ich schaute am nächsten Tag in die Dokumentation und konnte nicht glauben, was da stand: Pascal wäre im Zimmer eingeschlossen gewesen und hätte weinend nach seiner Mutter gerufen. Er hätte ihn aber verbal erreichen und damit beruhigen können. Mir wurde schlecht, und meine Kollegin, die in diesem besagten Dienst die Verantwortung hatte, wurde blass. Das hätte, so wie es da stand für uns berufliche Nachteile haben können.

Ich stellte Michael zur Rede, doch wieder nur Ablenkung, Ausflüchte und Lügen. In Absprache mit einer erfahrenen Kollegin schrieb unsere junge Kollegin einen Zusatz in die Dokumentation. Somit standen da zwei verschiedene Versionen eines Vorfalls. Immer wenn ich danach in der Dokumentation seine Formulierung las: ‚Ich konnte ihn/sie verbal erreichen‘, wurde mir anders.

Die Wochen vergingen und ich wartete immer noch auf eine Reaktion der Abteilungsleitung. Stattdessen kam eine Kollegin mit der unglaublichen Nachricht, dass Michael kein unbeschriebenes Blatt war, was Gewalt anging. Er war vorher in einer anderen Gruppe mit Kindern und auch dort gewalttätig gewesen. Das brachte ihm sowohl eine Abmahnung als auch Suspendierung ein, und er durfte danach nur noch in die Tagschicht. Erst als er in unsere Gruppe wechselte, ließ man ihn wieder Nachtschichten machen. An den Zuständen tagsüber änderte sich nichts. Michael war weiterhin überfordert und unberechenbar. Herr Aichinger ging mir offensichtlich aus dem Weg und ließ sich kaum noch blicken. Es gab Tage, da verschob ich meinen Einkauf, weil ich Michael mit den Bewohnern nicht allein lassen wollte. Ich war schon so weit, dass ich mir überlegte Michael so zu provozieren, dass er mir etwas antuen würde. Dann endlich musste etwas passieren.

An einem Montagmorgen erzählte mir die Kollegin, dass Pascal sich am Freitagnachmittag heißen Tee über den Oberschenkel gekippt hatte. Michael, der über das Wochenende Dienst hatte, beließ es bei der Übergabe bei einer kurzen Erklärung, dass es eine leichte Verbrühung sei, die gekühlt wurde. Was die Kollegin dann am Sonntagabend zusehen bekam, war eine großflächige Verbrühung mit einer faustgroßen Brandblase. Sie setzte alles in Bewegung, um für den Montag jemanden zu finden, der sie mit Pascal zum Arzt begleitete. Unter anderem telefonierte sie auch mit der Abteilungsleitung, die sich nicht blicken ließ, um es sich anzusehen, dafür aber Michael heranbeorderte, dass er den Gang zum Arzt übernahm. Auch hier erzählte Michael es so, als wenn er aus Sorge um Pascal gekommen wäre. Mich schockte der Anblick der Verletzung. Ich bekam irgendwie meinen Arbeitstag rum und saß nachmittags völlig aufgelöst bei meiner Hausärztin, die mich krankschrieb.

Mit der Krankmeldung ging ich zu Michael und sagte ihm auf dem Kopf zu, dass dieser Schein dadurch zustande kam, dass mir sein gewaltsamer Umgang mit den Bewohnern und sein unverzeihliches Handeln vom Wochenende zusetzte. Niemals würde er Bewohner schlagen oder anders schädigen, rechtfertigte er sich, und außerdem: Das mit Pascals Verletzung sei mit der Abteilungsleitung geklärt und er sei raus aus der Sache. Ich musste mich beherrschen nicht laut zu werden. Kollegen erzählten mir, nachdem ich weg war, wäre Michael kreidebleich gewesen. Er sagte, er habe gerade etwas Schlimmes erfahren und müsste nun nach Hause. Ja, ihm wurde in dem Moment klar, dass ich es war, die ihn wegen seiner Übergriffe bei der Abteilungsleitung gemeldet hatte. Zu Hause schrieb ich gleich eine Mail an Herrn Aichinger und Frau Mayer, um sie über das Gespräch zu informieren.

Zu dieser Zeit war ich beim Anwalt, um mich abzusichern. Ich traute niemanden von der Abteilungsleitung und wollte vorbereitet sein, falls sie sich gegen mich wandten. Ich erzählte ihm auch, dass ich zu Hause eine Liste über die tägliche Taten und Übergriffe von Michael führte. Er versicherte mir, dass das sehr wichtig sein würde, sollte es zu einer Verhandlung kommen. Und überhaupt, ich sollte mir überlegen zur Polizei zu gehen. Das war schon eine andere Hausnummer – eine Anzeige bei der Polizei.

Parallel dazu führte ich ein paar Gespräche mit dem Polizeipsychologen unseres Bezirks, ein Bekannter der Familie. Auch er riet mir, es bei der Polizei anzuzeigen. Ich sah darin wenig Erfolg. Die Bewohner könnten sich schlecht äußern oder sind chronische Lügner. Meine Kollegen schwiegen, und dass Michael zutrat und schlug, da steht seine Aussage gegen meine.

Als ich nach meiner Krankmeldung wieder auf der Arbeit war, rief Frau Mayer mich an, dass ich zum Gespräch vorbeikommen sollte. Der Anwalt riet mir, solche Gespräche nicht allein zu führen. Ich sollte ihn anrufen, er käme dazu. Frau Mayer war betont freundlich, was allein schon verdächtig war. Ich sagte, dass ich gerne käme, ich aber vorher den Termin mit meiner Begleitung abstimmen müsste. Daraufhin änderte sich ihr Ton und sie wurde sehr ungehalten. Sie begann mir mit dem Personalchef zu drohen, wenn ich es denn so offiziell haben wollte. Außerdem sei es doch nur ein Gespräch, wie man meine Lage verbessern könnte. So sagte ich den Termin zu, ohne Begleitung. Mir war klar, dass ich nur unter vier Augen von ihr das zu hören bekam, was ich schon ahnte. In Gegenwart meiner Begleitung und des Personalchefs wäre es zur Farce gekommen. Ich liebte meinen Job und machte ihn im Grunde gerne, aber ich war auf das Finanzielle nicht angewiesen. So hatte ich eine höchst komfortable Position, eine die meine schweigenden Kollegen nicht hatten.

Wir trafen uns ein paar Tage später in ihrem Büro und Frau Mayer schlug sofort einen harten Ton an. Wenn ich bei meinen Vorwürfen gegen Michael bleibe, müsste sie ihn entlassen. Ich blieb ruhig und bestätigte ihr, dass ich nichts zurücknehmen würde. Wieder zählte sie die Konsequenzen auf. Kurz danach kam sie mit der Vermutung, dass ich Michaels Verhalten vielleicht falsch einschätzen würde. Schließlich seien Pascal und die anderen Bewohner ja nicht einfach. Ich wies darauf hin, dass ich schon länger in dieser Gruppe arbeitete und ich solche Zustände zu Rolfs Zeiten nie erlebt hätte. Wieder drohte sie mit Michaels Entlassung, wenn ich bei meinen Vorwürfen bliebe, wieder nahm ich nichts zurück. Außerdem hätte sie mit Michael gesprochen und er leugnete je zugeschlagen zu haben. Ich sagte ihr, dass es mir bewusst ist, dass hier Aussage gegen Aussage steht. Schließlich behauptete sie mit einigen Kollegen gesprochen zu haben, die meine Behauptungen nicht bestätigen könnten. Etwas später stellte sich heraus, dass sie einen Kollegen gefragt hatte, der bei ihr war, und dieser Kollege hatte ihr bestätigt, dass Michael unverhältnismäßig hart mit den Bewohnern umging.

Ich erinnerte sie daran, dass ich die Einzige war, die Stunden mit Michael zusammenarbeitete. Bei den anderen Kollegen gäbe es eine halbe Stunde Übergabe, sonst nichts. Die Krönung des Ganzen war eigentlich ihre letzte Frage: Was ich zu tun gedenke, wenn ich weitere Vorfälle beobachte. Ich erwiderte, dass ich es situationsabhängig mache. Eine Antwort, die ihr nicht gefiel. Trotz der zweimaligen Ankündigung wurde Michael nicht entlassen.

Ich bin ruhig geblieben, habe mich nicht einschüchtern lassen und sie damit sicher verärgert.

Aber ich war nicht zufrieden, ich hätte gerne mehr gesagt und sie mit Fragen bedrängt. Doch es gab es einen triftigen Grund dies nicht zu tun: Rieke.

Rieke ist unsere behinderte Tochter. Sie lebte in einem anderen Haus meines Arbeitgebers, und es waren ausgerechnet Herr Aichinger und Frau Mayer, die für sie und ihre Unterbringung die Verantwortung trugen. Schon vor der Sache waren Bastian, mein Mann und ich uns darüber einig, dass Rieke wechseln sollte. Der Hauptgrund war, dass Rieke eine andere Förderung und Unterbringung benötigte, als das was der Betreiber bieten konnte. So haben Bastian und ich uns informiert und das passende Haus gefunden. Wir wünschten uns einen Wechsel in den Sommerferien, bekamen aber keine feste Zusage. Wie schon erwähnt, war Frau Mayer alles andere als vertrauenswürdig. Ich habe oft genug mitbekommen, wie sie die Eltern der Bewohner mit unberechtigten Forderungen unter Druck setzte, um ihr Ziel zu erreichen. Die Eltern taten alles, denn sie befürchteten sonst ihren Sohn oder ihre Tochter wieder zu Hause zu haben. Konnte/würde sie den Heimvertrag kündigen, weil ich ihr auf die Füße trat? Natürlich hätten wir uns mit allem Verfügbaren gewehrt, aber wenn das neue Haus mitbekommen hätte, dass es sich um eine renitente Mutter und einem gekündigten Vertrag handelte, wären unsere Chancen sicher gesunken.

Ich überlegte, wen ich um Rat fragen könnte. Sicher nicht die anderen Gruppenleiter im Haus, ich wollte sie nicht in einen Konflikt bringen. Schließlich fiel mir Rolf, mein ehemaliger Chef ein. Er hatte Ahnung von der Sachlage und unterstand nicht mehr Frau Mayer. Ich schrieb ihm eine Mail und fragte, ob ich auf einen Kaffee vorbeikommen könnte. Er schrieb zurück, dass ich kommen könnte. Sollte es aber um die Vorfälle in der Gruppe gehen, so werde er dazu nichts sagen. Das saß! Rolf steckt tatsächlich mit drin. Er, der Michael am längsten von uns kannte und auch bei dem Vorfall in der anderen Gruppe dabei war. Ich schrieb ihm zurück, dass ich nicht vorhatte über die Vorfälle zu sprechen, da ich den Eindruck hatte, dass schon alles gesagt war. Ich hätte eine Frage zu Riekes Unterbringung gehabt, ließ es nun aber lieber sein. Später erzählte mir der FSJ, dass Rolf kam, wenn ich weg war und sich oft mit Michael lange im Büro unterhielt. Ich stellte mir die Frage, wo ich hier eigentlich war. Hier ging es um das Wohl von schutzbedürftigen Menschen.

Nach meinem Gespräch mit Frau Mayer erzählte ich meinen Kollegen in unserer WhatsApp-Gruppe von meinem Tun in den letzten Wochen und was Frau Mayer dazu gesagt hatte. Auch wenn sie es nachdrücklich verlangt hatte, ich habe keine Namen genannt. Ich bekam ausnahmslos Zustimmung und Dank.

Zu dem Zeitpunkt trug ich mich schon mit dem Gedanken zu kündigen. Ich war nicht bereit weiter daneben zu stehen und meinen Anteil an Verantwortung zu tragen. Dadurch, dass ich die Vorfälle gemeldet hatte, konnte ich mich absichern, wenn etwas noch Schlimmeres passierte. Ausschlaggebend sollte unsere nächste Supervision sein. Sie war alle acht Wochen und nur für uns, also ohne Gruppen- und Abteilungsleitung. Doch Frau Mayer kreuzte bei diesem Mal auf, ganz nah an ihr dran Michael. Ihre Ankündigung, sie sei nur zum Zuhören gekommen, erwies sich recht bald als Witz. Sie übernahm das Heft und der Supervisor war ein Komplettausfall. Er brachte Frau Mayer mit einer Frage in Rage, hielt sich aber sonst zurück. Wir waren ihr ausgeliefert und die Kollegen wurden immer schweigsamer. Es hatte keine Kritik an Michael zu geben, basta.

Danach stand meine Entscheidung fest – ich kündigte. Als ich Frau Mayer das Schreiben persönlich übergab, konnte sie ihre Freude kaum verbergen. Es wurde zu einer zwei Minuten-Sache im Türrahmen. Ich sagte ihr, dass ich die Verantwortung nicht weiter mittrage, und dass Michael nicht aufhören werde, die Bewohner zu traktieren. Völliges Desinteresse ihrerseits.

Die Kollegen bedauerten meinen Weggang, wurden unsicher und so wollten wir uns an einem Tag zusammensetzen. Doch wieder passierte etwas Schlimmes. Michael hatte Nachtschicht und Pascal bekam angeblich einen Krampfanfall, den ersten in seinem Leben. Schon als ich die Nachricht zu Hause bekam, glaubte ich sie nicht. Bei unserer Zusammenkunft kamen alle Fakten auf den Tisch und das ganze Bild passte nicht. Zumal ein Bewohner einem FSJ anvertraute, dass Michael auf Pascal saß, als es passierte. Das bestätigte meine Vermutung, dass Michael ihm die Luft- oder Blutzufuhr abgedrückt hatte, wie auch immer es passiert sein mag. Den Kollegen wurde der Ernst der ganzen Sache erst klar, als ich sie warnte, dass sie dran sein werden, wenn jetzt etwas Gravierendes passierte. Ich hatte die Vorfälle gemeldet, während sie schwiegen. Ich war raus aus der Sache.

Nach betretendem Schweigen folgte eine Diskussion unter ihnen, was zu tun sei und sie meinten dann, dass die Geschäftsführung Bescheid wissen müsse. Ich sicherte ihnen da meine Hilfe zu. Die Kollegen bestanden darauf, dass sie erst den Betriebsrat zu Rate ziehen wollten. Ich hatte keine große Meinung vom Betriebsrat, aber diesmal ging es um die Kollegen und noch mehr um die Bewohner. So sprach ich erst mit Rudi, und später traf ich in Begleitung einiger Kollegen Christian. Ich erzählte wieder die ganze Geschichte und legte alles an Schriftstücken und Papier vor, was ich die letzten Monate gesammelt habe. Da gab es große Augen.

Ja, die Geschichte musste an die Geschäftsführung. Die nächste Frage war, was machen wir mit Herrn Innthaler, dem Vorgesetzten von Frau Mayer. Herr Innthaler hatte sich in den letzten Jahren nie großartig hervorgetan und gezeigt, zudem konnten wir nicht einschätzen, wie eng sein Verhältnis zu Frau Mayer war. Wir einigten uns darauf, dass ich nur an die Geschäftsführung und dem Personalchef eine Mail schrieb. Christian sicherte mir jede Unterstützung des Betriebsrats zu. So saß ich an einem Mittwoch mit klopfenden Herzen an den Computer und tippte eine lange Mail mit allen Schriftstücken, die ich hatte.

Wie vor vielen Wochen stand ich bei der Arbeit wieder unter Strom.  Noch am Montagmorgen ging ich zur Arbeit, konnte die Anspannung aber nicht mehr aushalten und ging unter einem Vorwand wieder nach Hause. Ich rief beim Betriebsrat an und fragte die Vorsitzende, ob sie etwas erfahren hatte. Sie verneinte es, versprach aber sich zu erkundigen und sich zu melden. Das war das Letzte, was ich je von ihr hörte. Der Betriebsrat rühmte sich später damit, dass sie in der Gruppe etwas bewirkt hätten und nun auf engen Kontakt bestanden.

Nachmittags hockte ich wieder weinend bei meiner Hausärztin, die mich zwei Wochen krankschrieb. Mit meinem Resturlaub und Überstunden hieß das, dass ich nicht mehr auf der Arbeit erscheinen würde. Gerne hätte ich alles geordnet übergeben, aber nun war so gekommen.

Am Dienstagnachmittag kamen schließlich zwei Mails. Eine vom Personalchef, der sich für meinen Mut bedankte und sich für die späte Antwort entschuldigte, aber sie hatten einiges zu regeln gehabt. Die zweite Mail kam von Herrn Innthaler, der sich dafür bedankte, dass ich auf die ‚pädagogischen Probleme‘ der Gruppe hinwies. Wir hatten also mit unserer Einschätzung gar nicht so falsch gelegen.

Schon am nächsten Tag gab es bei der Dienstbesprechung einen großen Auflauf. Herr Innthaler, Frau Mayer und zwei vom Betriebsrat tauchten auf. Herr Innthaler machte eine kurze Erklärung zum Sachverhalt und las meine lange Mail vor und befragte zu jedem Vorwurf die Kollegen. Sie stimmten dem zu und ergänzten es teilweise. Dieses Mal hielt sich wohl niemand zurück. Dass Michael zuschlug konnte oder wollte allerdings niemand bestätigen. Weil ich selbst nicht dabei war, weiß ich es nur über Dritte. Michael bestritt am Ende alles, wurde ausfallend und gab dann bekannt, dass er von seinem Posten als Gruppenleiter zurücktrat. Im Kollegium wurde vermutet, dass er vorgewarnt war, weil es zwischen ihm und Frau Mayer intensiven Blickkontakt gab. Auf diese Rücktrittsansage hin klappte Herr Innthaler den Ordner zu, äußerte, dass er mit diesem Ergebnis zufrieden sei und ging. Zurück blieben ein perplexes Kollegium und ein völlig erschöpfter Michael, der zwar kein Gruppenleiter mehr war, aber weiterhin von 20 Uhr bis 7 Uhr mit den Bewohnern allein sein würde.

Etwa zwei Wochen später rief mich Herr Innthaler an, dass er mit mir sprechen wollte. Bei ihm im Büro oder er würde auch zu mir kommen. So ließ ich ihn zu mir nach Hause kommen. Er war schlecht vorbereitet und redete drauf los. Mehrfach betonte er, dass es ja meine Entscheidung war zu kündigen. Ja, was sollte ich denn sonst machen, dachte ich mir leider nur– wegen Rieke. Weiter danebenstehen und zusehen? Ich sagte ihm, dass er doch bedenken sollte, welche Doppeltbelastung es für mich als Mutter und als Angestellte war. Die Mütter der Bewohner stehen zweifelnd vor mir und wissen nicht, warum das Kind so schwierig geworden war, und ich in meiner Doppelfunktion stehe daneben und darf nichts sagen. Herr Innthaler sagte so unglaublich dämliche Sachen und mir wurde nicht klar, was er genau von mir wollte, bis er nach knapp einer Stunde fragte, ob ich das Ganze anzeigen wollte. Also offiziell bei der Geschäftsleitung oder sogar bei der Polizei. Ich habe gegenüber vier Vorgesetzten meine Vorwürfe formuliert, aber das wurde nicht als offizielle Anzeige gesehen. Unglaublich, dachte ich (Rieke!) und mir kam der Verdacht, dass ich diejenige werden sollte, die Michael zu Fall bringt. Die Firma schien kein Interesse zu haben, selbst tätig zu werden. Schlussendlich, schweren Herzen und psychisch ausgelaugt, sagte ich schließlich, dass ich kein Interesse daran hatte gegen Michael vorzugehen. Herr Innthaler versicherte mir, dass Michael den Wunsch geäußert hätte zu wechseln und auch die Leitung ein Interesse hatte, ihm etwas Neues zu suchen. Wäre es nicht so ernst gewesen, hätte ich laut gelacht. Wo soll Michael denn arbeiten? Mit Kindern? Mit anderen Erwachsenen, die sich so etwas nicht gefallen lassen? Herr Innthaler fügte noch hinzu, dass sie Michael psychologisch und mit Gesprächen begleiten würden. Da fragte ich mich, wer ist hier Täter und wer Opfer? Und was ist mit mir? Aber wieder war es Rieke, derer zu Liebe ich schwieg. Vier Wochen später haben wir die Zusage bekommen und sie konnte in das neue Wohnheim umziehen.

Ich habe zu meinen Ex-Kollegen keinen Kontakt mehr. Nach all der Aufregung verfielen sie wieder in ihren Trott und Michael arbeitet so, als sei nichts gewesen. Schließlich wurde ihm zum zweiten Mal bestätigt, dass nichts so schlimm sein könne, als dass man ihm kündigen würde. Ob Michael weiter übergriffig ist, weiß ich nicht, aber gewechselt hat er natürlich nicht.

Und was hat die ganze Geschichte mit mir gemacht? Ich kann im Moment nicht arbeiten, habe Panikattacken und bekomme psychologische Hilfe. Natürlich gab es in all den Jahren Krisen. All die Rennereien und Streitereien mit Behörden, Ärzten und sonstigen Institutionen wegen Rieke, ihren gesundheitlichen Problemen und Förderungen. Parallel dazu ihre Schwestern und meine Verpflichtungen. Immer wieder taten sich dunkle Löcher auf, aus denen ich rausfand und sie sich wieder schlossen. Doch im Moment werden die dunklen Löcher nicht weniger, nur größer.

Miriam T.

*Alle Namen wurden geändert.

Hinweis der Redaktion

alle Namen in dem Bericht sind verändert - der Autor / die Autorin möchte auf eigenen Wunsch anonym bleiben - Anfragen an den Autor / die Autorin können über heiko.jentzsch@leona-ev.de gestellt werden

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